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Folklore Europaea - ein paar Denkanstöße

Zunehmend erweist sich das Credo vieler Wirtschaftspolitiker als Missverständnis, dass mit der Währungsunion und der sukzessiven Einführung des EURO in den EU-Staaten der Prozess der europäischen Integration quasi vollendet sei. Was für den Bereich des ökonomischen Kapitals zutreffen mag, gilt für den Umgang mit dem auf Dauer weit wichtigeren kulturellen Kapital Europas keineswegs in gleicher Weise. Dessen Wertschöpfung resultiert nämlich im Gegensatz zu derjenigen beim Geld gerade nicht aus beliebiger Konvertierbarkeit, sondern basiert auf sensibler Nutzung der Vielfalt und folgt damit ganz anderen Gesetzen, denen die Entscheidungsträger der EU ebenso wie weite Teile der Forschung noch relativ ratlos gegenüberstehen. Auffällig oft wird in letzter Zeit Jean Monnet als einer der Gründerväter des vereinten Europa mit dem berühmten Satz zitiert: "Si c'était à refaire, je commencerais par la culture." In die gleiche Richtung zielt die Äußerung des ehemaligen Präsidenten der EU-Kommission von Jacques Delors: "In einen Binnenmarkt verliebt man sich nicht."

Die Schaffung emotionaler Bindungen an eine ursprünglich als Wirtschaftsgemeinschaft konzipierte Union, der Ruf nach einem "Europa der Bürger" und die Suche nach europäischer Identität führen zwangsläufig immer wieder zu zentralen Fragen der Kultur. Nur durch intensive Auseinandersetzung mit ihnen kann die Idee eines vereinten Europa vom Bestreben einzelner zur Sache vieler, zugespitzt formuliert: von der Kopfgeburt zur Herzensangelegenheit, werden. Der Fokus des heute mehr denn je notwendigen Diskurses um das Wesen europäischer Kultur sollte indessen nicht nur oder gar ausschließlich auf der Hoch- und Elitenkultur liegen, da sie zum einen bereits unter einer Unzahl von Aspekten untersucht worden ist und zum anderen schon immer transnational und gesamteuropäisch war: Ein Gemälde von Raffael kann man in Rom, Madrid, Paris, London oder Dresden betrachten, eine Symphonie von Beethoven in Mailand, Wien, Prag oder Sankt Petersburg hören. Vielmehr sollte sich die Aufmerksamkeit der Forschung künftig auch verstärkt der traditionalen Popularkultur zuwenden, deren enormer regionaler Formenreichtum leider oft gerade von Bildungseliten noch immer als eine Art quantité négligeable gesehen oder allenfalls als pittoreske Randerscheinung wahrgenommen wird.

Wenn bei EU-Gipfeln oder bei Sonntagsreden europäischer Spitzenpolitiker, wie es inzwischen Usus geworden ist, zur dekorativen Umrahmung und Empfehlung der Gastgeber noch irgendwo ein lokaltypisches Musikensemble, eine Volkstanzgruppe oder zwei flankierende Trachtenmädchen auftreten, so verkennt das die tatsächliche Bedeutung derartiger Phänomene völlig. Die Vorführung von ein paar folkloristischen Versatzstücken auf Abruf wird dem, was Folklore wirklich ist, nämlich eine wichtige kulturprägende Kraft und eine Vitalitätsreserve im Leben der Bevölkerung, nicht gerecht. WieMenschen ihre Traditionen pflegen, wann, wo, was und warum sie feiern, egal ob in hochorganisierten städtischen Repräsentationsformen oder im kleinen dörflichen Rahmen, mit welchen Riten sie Stationen im Jahreslauf und Einschnitte in ihrem Leben markieren - all sind Ausdrucksweisen ihres Daseinsgefühls, ihrer Wertvorstellungen, ihres Glaubens, ihrer Heimatbindung, ihrer Identität. Gewachsene Formen der Folklore, am dichtesten konzentriert in Festen und Bräuchen, die übrigens momentan europaweit Konjunktur haben wie noch nie zuvor, bestimmen das kulturelle Klima im Alltag wesentlich nachhaltiger als die nur eine vergleichsweise schmale Schicht erreichenden Hervorbringungen der Hoch- und Elitenkultur.

Für die Kulturanalyse gehören Feste und Bräuche damit zu den wertvollsten Indikatoren, die ihr zur Verfügung stehen. An eben diesem Paradigma können wie kaum irgendwo sonst Kohärenzen und Divergenzen kultureller Systeme, kann Einigendes und Trennendes innerhalb der europäischen Gesamtkultur und ihrer Teilkulturen studiert werden. Aus der Art und Weise, wie verschiedene Nationen, Regionen und Städte, aber auch Minoritäten oder Majoritäten in gemischtethnischen Räumen ihre Traditionen und Formen des Feierns als vielseitige Ressourcen nutzen, lassen sich Einsichten in fundamentale Funktionsmechanismen gesellschaftlichen Zusammenlebens gewinnen: in die Entstehung und Ausprägung von Mentalitäten, die Konstruktionsmuster von Identität, die Wahrnehmung des Eigenen und des Fremden, den Ablauf von Ethnisierungsprozessen, das Aushandeln der Hierarchien zwischen Hegemonial- und Partialkulturen, das stets latente Spannungsverhältnis zwischen Exklusion und Integration, die Wahrnehmung von Differenz, die Instrumentalisierung von Auto- und Heterostereotypen und vieles andere mehr.

Vor allem aber liefern Feste und Bräuche durch ihr Prinzip der regelmäßigen Wiederholung, mit dem sie Kultur über Generationen hinweg identisch reproduzierbar machen, wichtige Erkenntnisse über das kulturelle Gedächtnis. Mit dem von Jan Assmann entwickelten Modell, wonach das kulturelle Gedächtnis die Thementrias "Erinnerung", "Identität" und "kulturelle Kontinuierung" in sich vereinigt, ist es nicht zuletzt auch möglich, dem europapolitisch so oft strapazierten Schlagwort vom "gemeinsamen kulturellen Erbe des Abendlandes" inhaltlich näher zu kommen. Feste und Bräuche als "primäre Organisationsformen des kulturellen Gedächtnisses" (Assmann) bieten dabei einen besonders erfolgversprechenden Zugang, der in diesem Kontext bislang noch kaum genutzt wurde. Praktisch jedem Fest und jedem Brauch wohnt, um es noch einmal mit anderen Worten zu sagen, ein kommemorativer Kern inne, das Anliegen also, irgendeine für die Gemeinschaft wichtige Erinnerung zu perpetuieren und damit den gemeinsamen kulturellen Horizont zu sichern. Bei religiösen Feiern wie Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten ist dieser Anspruch offensichtlich. Aber auch bei so gut wie sämtlichen profanen Festhandlungen mit regelmäßiger Wiederkehr lassen sich ähnliche Intentionen erkennen. Diese fundamentale Bedeutung von Fest und Brauch als "Kulturträger" im wörtlichen Sinne wird häufig unterschätzt. Es darf daher keine marginale, sondern muss eine zentrale Aufgabe kulturwissenschaftlicher Forschung sein, eben diesen für den Bestand jedes kulturellen Systems lebens- und überlebensnotwendigen, gedächtnissichernden "Moratorien des Alltags" (Odo Marquart) verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen.

Die entscheidende Voraussetzung für sinnvolle Forschungen im beschriebenen Rahmen ist der Aufbau einer breit angelegten, komplex strukturierten Datenbank zur europäischen Brauch- und Festkultur, die rasche Zugriffe auf verlässliche, d. h. nach wissenschaftlichen Kriterien aufbereitete Informationen erlaubt und sie für ethnographische Vergleiche und Analysen verfügbar macht. Hier setzt Folklore Europaea an. Ziel der mit dem Projekt angepeilten Möglichkeiten der Komparatistik darf dabei freilich unter keinen Umständen die monomane Suche nach Gemeinsamkeiten, sondern muss die ebenso klare Benennung von Unterschieden sein: Das langfristige Gelingen europäischer Integration wird nämlich im Endeffekt weniger von der harmonisierenden Betonung kultureller Übereinstimmung als vom angemessenen und ethnologisch fundierten Umgang mit kultureller Differenz abhängen. So verstanden könnte auch die Formel "Unity in diversity" mit der Zeit von der Phrase zum Programm werden. Folklore Europaea möchte dazu einen Beitrag leisten.

Werner Mezger