Antlassumzug

Bozen/Bolzano

Bolzano

Südtirol-Trentino

Italia - Italy

Dieses Jahr

16.06.2022 (Fronleichnam = 2. Donnerstag nach Pfingsten)

Nächstes Jahr

08.06.2023 (Fronleichnam = 2. Donnerstag nach Pfingsten)

Turnus

jährlich

Festausübung

N
erloschen

Allg. Festbeschreibung

Geografie

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Ort

Bozen/Bolzano

Kreis

Bolzano

Region

Südtirol-Trentino

Staat

Italia - Italy

Beschreibung


Die große, bis 1753 gehaltene Fronleichnamsprozession von Bozen besaß einen einzigartigen Ruf, Bekanntheitsgrad und Vorbildwirkung weit über die Heimatregion hinaus. Am großen Antlassumzug (Antlass-Fest war der Name für Fronleichnam in baierischer Mundart) nahmen in seiner Hoch-Zeit bis zu 500 Darsteller teil, die z. T. auf Bühnenwagen oder Triumphwagen agierten, man benötigte dabei je einen Ordner für jede Figur. Ein fester Bühnenaufbau für die religiösen szenischen Spiele wurde eigens für diesen Termin gezimmert. Während der Verlesung der vier Evangelien wurden auf den Höhen um Bozen Feuerwerke an Doppelhaken abgebrannt.

Dieser als prachtvoll, ja pompös eingeschätzte Fronleichnamsbrauch ist insbesondere durch die Studien Anton Dörrers mit Quellenmaterial dicht dokumentiert und eingehend untersucht. Die frühen Belege des Ereignisses deuten darauf hin, dass der Fronleichnamsumzug mit Figuren- und Spielelementen seit 1470 etabliert worden zu sein scheint und sukzessive mit neuen Elementen gesteigert und erweitert wurde. Zugleich erfolgte im 15. Jahrhundert der Aufstieg der "Weinherren" in Südtirol und die Organisation des Zunftwesens mit der Fassbinderzunft als der ältesten, bis ins 17. Jahrhundert mitgliederstärksten und am meisten angesehenen Zunft. Die überregionalen Bezüge und die Bedeutung aber wurde wesentlich durch die weitausstrahlenden Bozener Messen und Märkte erzeugt. Der zeitlich jüngste der vier großen Märkte (und Umschlagtermine für Wein) war derjenige Markttag, der seit 1584 mit dem Fronleichnamstermin verbunden wurde. Die chronikalische Beschreibung Bozens 1648/49 von P. Ferdinand Troyer nennt die Bruderschaft der "Pauleith" (Weinbauern) zu St. Katharina, die die Statuette des Hl. Urban mit weiteren zwei seiner legendarischen Helfer umherführten.
Ausrichter waren zunächst die Bozener Kirchenpröpste. Als die Pfarrei sich am Ende des 17. Jahrhunderts ausser Stande sah, den entsprechenden Aufwand finanziell und regulativ noch zu bewältigen, setzten sich gerade die Weinbauern mit der Führung des niederen Adels in Gries (heute Stadtteil Bozens) und in den Zwölf-Malgreien für die Fortführung des szenisch gestalteten Umzugs besonders ein. Die Weinbauern spendeten namhafte Geldbeträge und drängten die Stadtregierung, an Stelle der Pfarrei die Ausrichtung des Umzugs zu übernehmen. Nach dem Ende des spanischen Erbfolgekrieges konnte schließlich ein spektakulöser Umgang mit allem Pomp eines barocken Festes wieder institutionalisiert werden.

Eine einzigartige Quelle, die Grund und Sinn in populärer Vermittlung wiedergibt, ist die Predigtsammlung des Heribert von Salurn. 1705 publiziert, wird hier über die Prozessionen und Flurbittgänge folgendes erklärt: "... Wir catholische Christen aber, die wir auß dem Irrthumb und Finsternus deß Haidenthumbs zu dem wahren Liecht deß allein seeligmachenden christlich catholischen Glaubens gelangt und nicht die haidnische Abgötter, sondern den wahren Gott, der Himmel und Erden erschaffen hat, sambt seinen lieben Heiligen für den wahren Beschützer und Erhalter der Feldfrücht erkennen, thun für dergleichen Götzen-Fest jährlich Bett-Täg und Creutzgäng anstellen dem wahren, lebendigen und einigen Gott, der die gantze Welt erschaffen hat und erhaltet, zu Ehren; under welchen Bett-Tägen und Creutzgängen absonderlich gezehlt werden die jenige, so diese eingehende Wochen in der gantzen catholischen Christenheit allenthalben gehalten werden und meistentheil dahin angesehen seynd, dass uns Gott die liebe Feldfrücht, das Getraid und Wein ecc. auff den Feldern gnädiglich erhalten und beschützen wölle." [...] "Derentwegen weil diese Creutzgäng alle antreffen und allen vil daran gelegen ist, dass das liebe Getrai[d], Wein und andere Feldfrücht wol gerathen, von Gott geseegnet, beschützt und bewahret werden, auch Gott der Allmächtige von uns allen erfordert, dass wir ihn umb das tägliche Brodt bitten solten ([...]), so solt sich ja niemand von den Creutzgängen abschrauffen oder von einer leichten Ursach verhindern lassen, darbey zu erscheinen."
Hier wurde die ideelle Grundlage beispielhaft umrissen ¿ anstelle der falschen Götzen-Feste der heidnischen Antike sollen in der christlich-katholischen Weltordnung Bitt-Tage und Kreuzes-Prozessionen stattfinden, um Gott und die Heiligen, die bei ihm sind, zu ehren, und um ihre Vorbild-Rolle in Erinnerung zu bringen. Ganz explizit wurde zugleich die Schöpfermacht Gottes über Erde und Klima thematisiert und, davon abgeleitet, das Anheimstellen der Arbeit mit der Fürbittmöglichkeit für das Wachsen von Getreide und Wein angestoßen.
Dass der Prediger diese Heiligenverehrung und die Pflicht, an (Flur-)Prozessionen teilzunehmen, als universal geltend darstellt, ist im Text die eigentlich gravierende Aussage: Wer dazugehören will, muß mittun. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass dieselbe Verpflichtung, nämlich die obligatorische aktive Teilnahme mindestens eines erwachsenen Familienmitglieds an Kreuzes- und Flurprozessionen, ebenso in die damaligen, von der weltlichen Regierungsgewalt erlassenen Policeyordnungen einformuliert war.
Das Kernanliegen dieses Feiertages gerade in landwirtschaftlich geprägten Regionen und für die Weinbauern bestand auch im Repräsentationsbedürfnis der Mitglieder der corporativen (Berufs- bzw. Standes-) Gruppen, und es bestand genau an diesem in Rede stehenden Termin darin, dass das Sanktissimum im theophorischen Sinne in einer Monstranz ins Freie getragen wird, um den Segen der Felder zu erwirken. Ein dokumentarisch nachvollziehbarer Grund, warum der Antlassumzug in dieser Form mit seinem Schaugepränge dann untersagt und abgeschafft wurde, waren schließlich die überhohen Ausgaben für die vielen Gastmähler, an denen u.a. die Mitwirkenden und Darsteller verköstigt wurden.

Referenzen

Anton Dörrer: Bozner Bürgerspiele. Alpendeutsche Prang- und Kranzfeste, Bd. 1, Leipzig 1941 (= Bibliothek des Literarischen Vereins Stuttgart; 291) [hier auch Abdruck der Zitate].