Fastenzeit

Fastenzeit

Unter „Fastenzeit“ versteht man heute die vierzigtägige Periode der Buße und Abstinenz, die von der römischen Kirche dem Osterfest als Vorbereitungszeit vorangestellt wurde. Als Vorbild für die Dauer des Fastens diente der biblische Bericht, wonach Christus vor Beginn seines öffentlichen Wirkens 40 Tage gefastet habe (Matthäus 4,2). Ursprünglich gab es im Kirchenjahr neben dem vorösterlichen Fasten noch eine zweite Fastenzeit, die ebenfalls vierzig Tage umfasste und auf Weihnachten zuführte. Sie begann unmittelbar nach Martini (11. 11.). Später wurden die vierzig Tage des Weihnachtsfastens allerdings auf vier Wochen reduziert, woraus sich die →Adventszeit entwickelte. Aufgrund dieser Rückbildung der weihnachtlichen Fastenperiode wird heute meist auf die sprachliche Unterscheidung zwischen Weihnachts- und Osterfasten verzichtet, wodurch sich mit dem Begriff „Fastenzeit“ im üblichen Sprachgebrauch mittlerweile allein die Vorbereitungsphase auf →Ostern verbindet.

Das Gebot des Fastens, die Enthaltsamkeit von bestimmten Speisen also, betraf die gesamte Bevölkerung mit Ausnahme von Kindern, Schwangeren, alten und kranken Menschen. Sie waren vom Fasten dispensiert. Die Fastenregeln forderten den Verzicht auf Fleisch von warmblütigen Tieren und auf alle damit zusammenhängenden Nahrungsmittel, also auf sämtliche Laktizinien. Das bedeutete: Kein Fleisch, auch kein Geflügel, kein Schmalz, kein Fett, keine Butter, keine Milch, keinen Käse und keine Eier. Diese jährlich mehrwöchige Umstellung des Nahrungsverhaltens erforderte in der Praxis die Aussetzung des Schlachtens, was eine Zwangspause für das Metzgerhandwerk bedeutete. Ein Sonderproblem stellte die Eierproduktion dar, da die Legetätigkeit der Hühner mit Beginn der wärmeren Jahreszeit bekanntermaßen deutlich zunimmt. Aus diesem Grunde wurden am Vorabend der Fastenzeit traditionell nach zahlreiche Hühner als Zinsgaben an Grundherren, Adel und Geistlichkeit abgeliefert und geschlachtet, wodurch sich die Eierproduktion bis zu einem gewissen Grad reduzierte. Dennoch erzeugte der Restbestand der Hühner im Lauf der Fastenzeit einen beträchtlichen Eierüberschuss, der erst an Ostern abgebaut werden konnte und der erklärt, warum sich viele Osterbräuche rund ums Ei drehen.

Als letzte Möglichkeit, vor Anbruch der Buß- und Fastenzeit noch einmal ausgelassen zu feiern und üppig zu speisen, wurde der Vorabend der Abstinenzperiode genutzt: eben die Nacht vor dem Fasten. So entstand die → „Fastnacht“, deren Dauer sich im Lauf der Zeit immer mehr ausdehnte und die sich schließlich vom Donnerstag vor Fastenbeginn bis zum darauf folgenden Dienstagabend erstreckte. Auch die romanische Bezeichnung dieses letzten Festes vor den Wochen des Verzichts, nämlich → „Karneval“, bezieht sich aufs Fasten: „Carnevale“ kommt von lat. „carnislevamen“ und bedeutet „Wegnahme des Fleisches“. Der Verzicht auf fleischliche Genüsse in der Fastenzeit war auch im übertragenen Sinne gemeint: Die Kirche forderte von ihren Gläubigen während der Fastenwochen zugleich sexuelle Enthaltsamkeit. Dies war der Grund, warum in der Fastnacht gerne geheiratet wurde. Auf diese Weise konnten nicht nur Hochzeitsfestivitäten und allgemeines öffentliches Feiern der Fastnacht miteinander verbunden werden, sondern es ging im Sinne mittelalterlicher Sexualmoral auch darum, die Hochzeitsnacht und den Vollzug der Ehe noch in die Stunden vor dem Beginn der Fastenzeit zu legen.

Im späten Mittelalter wurde von den Theologen der Gegensatz zwischen Fastnacht und Fasten immer schärfer betont, oft sogar unter Verweis auf den heiligen Augustinus, der strikt antithetisch zwischen der „civitas Dei“, dem Gottesstaat, und der „citivas diaboli“, dem Teufelsstaat, unterschieden hatte. Mit dem Teufelsstaat wurde das Geschehen der Fastnacht, mit dem Gottesstaat die Fastenzeit identifiziert. In der Literatur und der bildenden Kunst bis hin zum Brauchhandeln führte dies zunächst in Südeuropa und dann auch nördlich der Alpen zur Entstehung sogenannter „Contrasti“. Darunter sind Gedichte, Bilder oder eben theatralische Aufführungen zu verstehen, in denen Repräsentationsfiguren der Fastnacht gegen Gestalten der Fastenzeit kämpften, wobei die Figuren oft Personifikationsallegorien typischer Fastnachts- und Fastenspeisen waren. Der bedeutendste noch erhaltene Beleg der aus bildenden Kunst für die Darstellung eines solchen Fastnachts-Fasten-Kontrastes ist das 1559 entstandene große Tafelbild des Niederländers Pieter Breugel „Kampf der Fastnacht mit dem Fasten“, das im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt.

Die Dauer der Fastenzeit erstreckt sich nach der heute überwiegenden Berechnungspraxis vom → Aschermittwoch bis zur Mittagszeit des →Karsamstags. Diese Rechnung geht davon aus, dass lediglich die Werktage als Fasttage zu zählen sind. Die Sonntage bleiben, so wurde es auf der Synode von Benevent 1091 festgelegt, als Erinnerungstage an die Auferstehung Christi, als „kleine Osterfeste“ sozusagen, vom Fasten ausgenommen. Darin liegt auch die Begründung dafür, warum es vom Aschermittwoch bis Ostern, wenn man im Kalender nachrechnet, nicht exakt 40, sondern 46 Tage sind. In einigen wenigen Regionen Europas hat sich die Regelung von Benevent allerdings nicht durchgesetzt. Hier wurden und werden auch die Sonntage als Fasttage gezählt mit der Konsequenz, dass in diesen Gegenden die Fastenzeit durch die fehlenden Unterbrechungen an den Sonntagen in einen kürzeren Zeitraum passt und der Fastenbeginn wie auch die unmittelbar davor stattfindende Fastnacht eine Woche später liegen als in der Mehrzahl der Regionen. So erklärt sich auch der Termin der sog. → „Alten Fastnacht“, der Fastnacht nach der alten vorbeneventinischen Zählung also, die erst mit einwöchiger Verzögerung gegenüber dem verbreiteten Fastnachtstermin stattfindet und etwa im Raum Basel, in Teilen des Markgräfler Landes, aber auch in der Gegend um Mailand begangen wird, wo der sog. ambrosianische Kalender gilt.

Generell erinnert an den Termin der Alten Fastnacht, auch „Bauernfastnacht“ genannt, noch immer in vielen Orten Südwestdeutschlands der erste Sonntag nach dem Aschermittwoch, der als „Funkensonntag“ bezeichnet wird, weil an ihm nach Einbruch der Dunkelheit traditionell große Holzstöße, sog. „Funkenfeuer“, entzündet werden, oft zusätzlich verbunden mit dem Brauch des Scheibenschlagens. Dass diese „Funkenfeuer“ teilweise auch explizit den Namen „Fastnachtsfeuer“ tragen, lässt deren frühere Tradition durchschimmern: Vor der Aufhebung des Fastenzwangs an den Sonntagen lag der Fastnachtstermin überall eine Woche später.

Neben dem 1. Fastensonntag (= Funkensonntag) sind andere Sonntage der Fastenzeit ebenfalls mit spezifischen Bräuchen belegt, so vor allem der 4. Fastensonntag (= Laetare) und der 6. Fastensonntag (= Palmsonntag). Die Benennungen der einzelnen Fastensonntage richten sich nach dem liturgischen Kalender, und zwar in fünf Fällen nach dem Introitus, dem einstigen Anfangswort des Eingangstextes der jeweiligen Sonntagsmesse. So ergeben sich folgende Bezeichnungen: 1. Fastensonntag „Invocabit“, 2. Fastensonntag „Reminiscere“, 3. Fastensonntag „Oculi“, 4. Fastensonntag „Laetare“, 5. Fastensonntag „Judica“ (= 1. Passionssonntag), 6. Fastensonntag „Palmsonntag“ (= 2. Passionssonntag), letzterer benannt nach dem biblischen Bericht über den Einzug Christi in Jerusalem, bei dem diesem die Menschenmenge ihre Ehrerbietung durch Zuwinken mit Palmwedeln bekundete.

Die Fastenzeit ist durch viele populäre Brauchformen gekennzeichnet. So gibt es insbesondere in Südeuropa originelle Visualisierungen der Fastendauer, die – ähnlich den Erfindungen Adventskranz und Adventskalender zur Veranschaulichung der Dauer der Weihnachtszeit im deutschen Sprachraum – vor allem für Kinder gedacht sind. In allen Kindergärten und Schulen Kataloniens wird etwa die „Vella de Cuaresma“ aufgehängt, eine Personifikation der Fastenzeit in Gestalt einer Pappfigur mit sieben Füßen, von denen jede Woche einer abgeschnitten wird: Wenn die Figur gänzlich amputiert ist, steht Ostern unmittelbar bevor. In Süditalien kennt man analog dazu die „Quarantana“ oder „Quaremm“, ebenfalls eine Puppe, die an den Außenwänden der Häuser oder über den Straßen aufgehängt wird und die eine mit sieben Federn besteckte kugelige Frucht in der Hand hält. Hier wird jede Woche eine Feder entfernt, bis die Figur an Ostern völlig ungefiedert ist.

Ein wichtiger Brauchtermin ist → Mittfasten, die Fastenmitte bzw. die Halbzeit der Fastenzeit. Dieser Termin, der frz. Mi-carême und italienisch Mezzaquaresima heißt, liegt kalendarisch exakt auf dem Donnerstag vor dem 4. Fastensonntag, dem Sonntag „Laetare“. Bis auf wenige Ausnahmen werden die einschlägigen Bräuche aber auf den Sonntag „Laetare“ gelegt. In Südeuropa kennt man hier z. B. das symbolische Auseinandersägen einer Puppe, eben der Personifikation der Fastenzeit. In Italien heißt dieses Ritual „Segavecchia“, in Spanien „Serrar la Vella“ (= jeweils: Auseinandersägen der Alten). – Nördlich der Alpen und in weiten Teilen des östlichen Europa wird am Sonntag Laetare eine Puppe verbrannt oder ertränkt, die allerdings nicht die Fastenzeit, sondern den Tod personifiziert. Nachdem im katholischen Gottesdienst am → Aschermittwoch liturgisch an Tod und Vergänglichkeit erinnert wird, soll nun die Überwindbarkeit des Todes demonstriert werden, analog zur Geschichte der Totenerweckung des Jünglings von Naim, die nach der alten, vorkonziliaren Leseordnung der katholischen Kirche in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Sonntag Laetare als Evangelium vorgetragen wurde. Dieser gewissermaßen punktuelle Sieg über den Tod, der im Brauch nachgespielt wurde, sollte in der Fastenmitte bereits auf die österliche Botschaft der Auferstehung vorausweisen. Im Odenwald zum Beispiel heißt die am Sonntag Laetare vernichtete Figur explizit „Tod“, der entsprechende Brauch wird als „Todaustragen“ bezeichnet. In Polen nennt man die zum Untergang verurteilte Laetare-Figur „Marzanna“, in Ungarn „Morena“ – in beiden Wörtern ist das lateinische „mors = Tod“ enthalten.

In manchen Regionen, nicht zuletzt in reformierten Gebieten, wird die zu vernichtende Figur des Todes im Laetarebrauch auch als Personifikation des Winters gedeutet. Damit mutiert die ursprüngliche Auseinandersetzung mit dem Tod zu einem Frühlingsbrauch, bei dem am Ende der Winter verbrannt wird. Diese Brauchumdeutung findet sich in den vielen an Laetare stattfindenden „Sommertagszügen“ des Rhein-Neckar-Raums oder etwa beim „Sommergewinn“ in Eisenach wieder.

Vor allem im französischsprachigen, linksrheinischen Raum wird der Sonntag Laetare mancherorts sogar mit regelrecht karnevalesken Formen begangen, weshalb man hier, drei Wochen vor Ostern, vom Laetare-Karneval bzw. vom Mi-carême-Carnaval spricht. Ein prominentes Zentrum für diesen verspäteten Karneval war bis ins 19. Jahrhundert Paris. Große Umzüge an Laetare finden nach wie vor etwa noch in Stavelot in Belgien oder in Saverne im nördlichen Elsaß statt. Auch der schweizerische Ort Ermatingen am Bodensee kennt am Sonntag Laetare die sogenannte „Groppenfastnacht“, die eigentlich ein karnevalisierter Laetarebrauch ist.

Mit einer immensen Vielfalt an Brauchformen ist die letzte Woche der Fastenzeit, die → Karwoche, belegt. Hier finden, beginnend mit dem Nachvollzug des Einzugs Christi in Jerusalem am Palmsonntag in Form sogenannter Palmprozessionen, an den Haupttagen der Karwoche → Gründonnerstag, → Karfreitag und → Karsamstag große Prozessionen und geistliche Schauspiele statt, die vor allem in Südeuropa gewaltige Dimensionen annehmen.

Nördlich der Alpen sind die spektakulären Brauchvollzüge in der Karwoche unter dem Druck der Aufklärung stark zurückgegangen oder gänzlich verschwunden. In reformierten Gebieten haben sich mit der Zeit auch die Brauchformen am Vorabend des Aschermittwoch verloren, da die Reformation die Fastenzeit abschaffte. Dies hatte zur Folge, dass die Fastnacht, soweit sie nicht wie etwa in Nürnberg 1539 explizit verboten wurde, in evangelischen Territorien mit der Zeit einschlief. Erst im Lauf des 19. und verstärkt im 20. Jahrhundert löste sich im Zuge zunehmender Säkularisierung und wachsender Mobilität der Zusammenhang zwischen Fastnacht und Konfessionalität auf, so dass mittlerweile auch in ehemals traditionell evangelischen Gebieten Fastnacht bzw. Karneval gefeiert werden. Aufgrund der Lockerung der Fastengebote hat sich der ursprüngliche Sinn der Fastnacht als Schwellenfest vor dem Beginn der Fastenzeit in ehemals katholisch geprägten Landschaften ebenfalls weitgehend verflüchtigt und ist einem allgemeinen Bedürfnis nach temporärer Ausgelassenheit und gemeinschaftlichem Feiern gewichen.

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