Fastnacht, Karneval

Die ältesten Schichten der Fastnacht bzw. des Karnevals liegen wohl in frühen agrarischen Übergangsriten vom Winter zum Frühling. Auch Reste römischer Kalenderfeste wie etwa der Bacchanalien und Elemente antiker Theatralität können darin enthalten sein. Ihre entscheidende Prägung aber erhielten Fastnacht und Karneval zweifellos im christlichen Mittelalter: Sie waren die letzte Möglichkeit, vor dem Beginn der vierzigtägigen Fastenzeit, der von der Kirche eingerichteten Vorbereitungsperiode auf Ostern, nochmals üppig zu essen und zu trinken und ausschweifend zu feiern. Aus dieser „Schwellenfunktion“ vor dem Anbruch der Wochen des Verzichts auf Fleischgerichte und andere Genüsse begründen sich auch den Benennungen des Festes. Die romanische Bezeichnung „Karneval“ entstand aus „carnis levamen“ (= Wegnahme des Fleisches), und die germanische Benennung „Fastnacht“ meint einfach den Vorabend der Fastenzeit, eben die „Nacht vor dem Fasten“.

Zunächst bloß ein exzessives Ess- und Trinkgelage zum letztmaligen Konsum und Aufbrauchen der in der Fastenzeit nicht mehr erlaubten Nahrungsmittel, lagerten sich um die ursprünglich primär ökonomisch begründete Feier im Spätmittelalter immer mehr gesellige Elemente und Schaubräuche an: Musik, Tanz, theatralische Darbietungen, Umzüge, Wettspiele und Turniere. Für Form und Inhalt der Fastnacht von zentraler Wichtigkeit wurde in ganz Europa schließlich das im 15. Jahrhundert immer dominantere antithetische Deutungskonzept der Kirche, das die Fastenzeit als gottgefällige Zeit beschreib, die Fastnacht hingegen als gottferne Zeit, in welcher der Teufel los sei. In Predigt und Katechese wurde zur Kontrastierung von Fastenzeit und Fastnacht sogar das vom heiligen Augustins entwickelte Modell des Gottesstaates (= civitas Dei) und des Teufelsstaates (= civitas diaboli) herangezogen, wobei die Fastnacht eben mit der civitas diaboli identifiziert wurde. Folgerichtig waren denn auch Teufelsfiguren die frühesten in der Fastnacht nachweisbaren Maskengestalten. Ab der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert trat speziell im mitteleuropäischen Raum an die Stelle des Teufels, begünstigt durch literarische Vorbilder (Sebastian Brant u. a.), mehr und mehr die Figur des Narren. Aus diesem ideengeschichtlich hochkomplexen Entwicklungsprozess resultierte schließlich auch die hohe Symboldichte der Festelemente, die sich in den Requisiten der Fastnachtsakteure bis heute erhalten hat: Schellen, Fuchsschwänze, Hahnenfedern, Schweinsblasen, Spiegel und anderes mehr.
Derbheit einerseits und Prachtentfaltung andererseits prägten die Fastnacht in der Epoche des Barock, wobei das fastnächtliche Treiben nördlich der Alpen im Zuge der Barockisierung im 17. Jahrhundert starke mediterrane Einflüsse durch die italienische Commedia dell’Arte erfuhr. Vor allem in Frankreich und Deutschland aber stießen spätestens ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die alten fastnächtlichen Traditionen auf zunehmenden Widerstand der herrschenden Eliten, weil diesen der immer noch einer „finsteren“ Vergangenheit zugerechnete wilde Mummenschanz und die dämonischen Maskeraden als nicht mehr zeitgemäß und mit dem Geist der Aufklärung unvereinbar erschienen. Die Folge war, dass die überlieferten Formen der Fastnacht ab etwa 1770/80 und erst recht in der Zeit der Französischen Revolution links und rechts des Rhein mehr oder weniger zusammenbrachen. Durch die Romantik und den Historismus des 19. Jahrhunderts erholte sich jedoch im deutschsprachigen Raum das närrische Treiben vor dem Aschermittwoch zusehends wieder und erfuhr, nunmehr bürgerlich „veredelt“, neue Wertschätzung. Während die einst traditionsreichen Fastnachtsfestivitäten im nachrevolutionären Frankreich bis auf wenige Reliktgebiete im äußersten Süden und im Norden nur noch in einigen Reminiszenzen fortexistierten, ging in Deutschland ein entscheidender Impuls zur Erneuerung und Revitalisierung der fastnächtlichen Fest- und Feierformen von Köln aus. Dort zog 1823 erstmals der „Held Karneval“ in die Stadt ein, wo er symbolisch mit der Prinzessin Venezia verheiratet wurde. Diese im Rheinland entstandene neue Art der veredelten und „bürgerlich gesittigten“ Fastnacht bezeichnete man im deutschen Sprachraum fortan, der Zeitmode entsprechend, mit dem romanischen Wort „Karneval“.
Das Vorbild des vom Bildungsbürgertum getragenen rheinischen Karnevals mit aufwändigen Umzügen, die häufig unter einem von Künstlern jährlich neu kreierten, aktuellen Motto standen, wurde im 19. Jahrhundert stilbildend für ganz Deutschland, auch für das schwäbisch-alemannische Gebiet im Südwesten. Erst kurz vor 1900 kehrte man dort vom Karneval rheinischen Stils zu den vorromantischen Formen der früheren Fastnacht zurück und reaktivierte wieder den archaisch anmutenden alten Mummenschanz mit Holzmasken und Totalverkleidung. Im Rheinland hingegen existierte der romantisch geprägte Karneval nach Kölner Vorbild weiter, zu dessen konstituierenden Elementen neben den großen Umzügen am Rosenmontag auch zahlreiche Ball- und Saalveranstaltungen in den Vorfastnachtswochen gehörten und gehören. Seither gibt es in Deutschland zwei Ausprägungen fastnächtlichen Feierns: die heute vor allem auf Südwestdeutschland konzentrierte Fastnacht alten Stils und den rheinischen Karneval, die aber beide dieselben Wurzeln haben.
Fastnacht und Karneval sind ein Brauchphänomen, das aufgrund des umfassenden Einflusses der Kirche und der überregionalen Gültigkeit der vorösterlichen Fastenzeit über ganz Europa verbreitet ist. Lediglich in reformierten Gegenden, in denen die Fastenzeit bereits im 16. Jahrhundert abgeschafft wurde, kamen die fastnächtlichen Traditionen aufgrund des Wegfalls ihrer ursprünglichen Funktion als Schwellenfest vor der Abstinenzperiode zum Erliegen. Eine enorme Vielfalt haben die Feierformen von Fastnacht und Karneval hingegen in katholischen Territorien, etwa im Alpenraum und in den Ländern des westlichen Mittelmeers entwickelt, wobei sich die wohl spektakulärsten Brauchvollzüge auf der iberischen Halbinsel und auf Sardinien, aber auch in Italien erhalten haben. Fastnacht und Karneval sind – dies gilt für weite Teile Europas – heute ohne Zweifel einer der vitalsten Fest- und Brauchkomplexe überhaupt, an dem sich Jahr für Jahr zehntausende Menschen beteiligen.
Als Auftakt der närrischen Tage gilt allgemein der Donnerstag vor Fastnacht, in Süddeutschland wegen des an diesem Termin traditionell üblichen Herstellens von Schmalzgebäck meist als „Schmutziger (= schmalziger)“ und im romanischen Raum als „fetter Donnerstag“ (z. B. ital. „giovedì grasso) bezeichnet, im Rheinland aufgrund der Verkehrung der Geschlechterhierarchie auch mit dem Namen „Weiberfastnacht“ belegt. Einen weiteren Höhepunkt bilden die letzten beiden Tage vor dem Aschermittwoch, der Fastnachtsmontag, auch Rosenmontag genannt, und der Fastnachtsdientag, frz. wiederum mardi gras. Am Dienstag endet das fastnächtliche Treiben um Mitternacht abrupt: Nachdem vielerorts die Fastnacht symbolisch verbrannt worden ist, kehrt mit dem Anbruch des Aschermittwochs, dem Beginn der Fastenzeit also, Ruhe ein. In manchen Gegenden, etwa am Hochrhein, z. B. in Basel, oder im Raum um Mailand findet die Fastnacht aufgrund einer etwas anderen Berechnung der Fastenzeit erst eine Woche nach dem heute mehrheitlich gefeierten Fastnachtstermin statt: Der genaue Grund hierfür liegt in der unterschiedlichen Behandlung der Sonntage innerhalb des Fastenzeit. Nach inzwischen verbreiteter kirchlicher Praxis sind sie vom Fasten ausgenommen, weshalb der Aschermittwoch auch nicht 40 Tage, sondern 46 Tage vor Ostern liegt. Nach dem älteren Berechnungsmodell galten auch die Sonntage als Fasttage, weshalb in den genannten Relikträumen die Fastenzeit keine Unterbrechungen hat und die Fastnacht dementsprechend später stattfindet. Eine Sonderterminierung gibt es noch in Teilen Nordfrankreichs und Belgiens, z. B. in Stavelot: Dort wird Fastnacht erst in der Mitte der Fastenzeit, nämlich am Sonntag Laetare, drei Wochen vor Ostern gefeiert.

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